21.04.2026 - Kreisklinik Trostberg

Sprache ist mehr als nur Worte

Aynur Simecek im gemeinschaftlichen Übungsraum
Aynur Simecek im gemeinschaftlichen Übungsraum

Wie eine Klinische Linguistin in der Akutgeriatrie der Kreisklinik Trostberg Patientinnen und Patienten hilft wieder an der Gemeinschaft teilzuhaben

„Sprache ist mehr als Worte, sie ist der Schlüssel zur Teilhabe.“ Aynur Simecek sagt das ruhig und bestimmt. Wer ihr zuhört, merkt schnell: Hier spricht keine Theoretikerin. Hier spricht eine Praktikerin mit wissenschaftlichem Fundament und einem Blick für Menschen. Simecek ist Klinische Linguistin in der Akutgeriatrie der Kreisklinik Trostberg. Ein Beruf, den viele nicht kennen. Aber einer, der entscheidet, ob Patienten wieder sprechen, essen, schlucken können – und am Leben teilnehmen.

Wie funktioniert Sprache eigentlich?

Simeceks Weg dorthin beginnt früh. „Ich bin zweisprachig aufgewachsen, in der Türkei geboren und mit anderthalb Jahren nach Deutschland gekommen“, erzählt sie. Sprachen fallen ihr schon immer leicht. Nach dem Abitur studiert sie zunächst „Deutsch als Fremdsprache“ in Bielefeld. Sie unterrichtet, gibt Kurse für Zugewanderte, für Gastarbeiter, für Menschen, die in Deutschland Fuß fassen wollen.

Doch das genügt ihr nicht. „Mich hat interessiert: Wie funktioniert Sprache eigentlich und was passiert, wenn sie gestört ist?“ Sie sucht Antworten. Und findet sie in einem damals neuen Studiengang: Klinische Linguistik. Neun Semester, wissenschaftlich geprägt. „Es geht um Krankheitsbilder, Symptome und darum zu verstehen, wie es dazu kommt.“

Oft verwechselt, ist der Unterschied zur Logopädie doch klar: Während Logopädie eine praxisnahe, dreijährige Ausbildung ist, ist die Klinische Linguistik ein Studium mit stärker theoretischem Fokus. Forschung, Diagnostik, Analyse. „Aber am Ende arbeiten wir eng zusammen“, sagt Aynur Simecek „Beide behandeln Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen.“

Langjährige Erfahrung in Neurologie und Reha-Einrichtungen

Schon während des Studiums sammelt sie Praxiserfahrungen in einer Rehaklinik in Bad Oeynhausen. Dort bleibt sie dann auch zehn Jahre. Schwerpunkt: neurologische Patienten. Schlaganfälle, Aphasien, Dysphagien. „Ich habe früh mit Patienten gearbeitet, die nicht mehr sprechen konnten oder nicht mehr schlucken.“  Damals auch ein Vorteil: ihre Herkunft. „Ich bin türkischsprachige Therapeutin und konnte damit türkische Patienten behandeln.“ In der Rehaklinik wird kultursensible Therapie angeboten, lange bevor das zum Schlagwort wurde. Der weitere Weg der Linguistin führt nach Feldafing am Starnberger See, der Liebe wegen. Dort ist sie als Bereichsleitung in der Neurologie der Klinik Feldafing tätig und wechselt später in eine ambulante Reha in München. Die weitere Reise führt sie nach Waldkraiburg – und von dort nach Trostberg.

Seit eineinhalb Jahren arbeitet sie jetzt in der Akutgeriatrie der Kreisklinik Trostberg. Die Patienten bleiben hier meist nur zwei Wochen. Ein kurzes Zeitfenster – mit großen Zielen. „Wir wollen sie so fit machen, dass sie wieder nach Hause können.“ Die meisten kommen nach orthopädischen Operationen oder aufgrund akuter Verschlechterungen ihres Gesundheitszustands nach Trostberg in die Akutgeriatrie. Andere mit Parkinson, Multipler Sklerose oder Demenz. Simecek wird gerufen, wenn etwas auffällt: „Wenn Patienten husten, sich räuspern, undeutlich sprechen oder nicht mehr richtig essen können, dann werde ich hinzugezogen.“

Die richtige Therapie ist für jeden Menschen individuell

Sie beginnt ihre Arbeit mit Diagnostik und Beobachtung, um die richtige Therapie zu finden. Sie sitzt mit Patienten am Tisch, übt Schlucktechniken, begleitet Mahlzeiten. „Bei Demenzpatienten ist es oft so: Sie trinken nicht von allein. Dann stoße ich an und sage: Prost. Und plötzlich trinken sie.“ Kleine Gesten, große Wirkung. Auch bei Parkinson setzt sie gezielt an. „Die Patienten sprechen oft sehr leise und ziehen sich zurück.“ Hier hilft eine spezielle Therapie: LSVT-Loud. Intensiv, strukturiert, wissenschaftlich belegt. „Die Therapie umfasst 16 Sitzungen à 60 Minuten, verteilt über vier Wochen. Das ist anstrengend für die Patientinnen und Patienten, aber wirksam.“

Ihre Arbeit endet nicht beim Patienten. Angehörige werden einbezogen, beraten, aufgeklärt. „Wenn jemand falsch schluckt, kann das zu einer Lungenentzündung führen. Das müssen die Familien wissen.“ Und auch hier hilft ihr Hintergrund: „Ich kann türkische Familien direkt ansprechen.“ Aynur Simecek versteht ihren Beruf ganzheitlich. „Ich will Lebensqualität schaffen. Sprache, Schlucken, Stimme – das gehört alles zusammen.“ Es geht nicht nur um Funktionen. Es geht um Würde und um Teilhabe.

Dr. Marianne Gerusel-Bleck, Leitende Ärztin Innere Medizin-Akutgeriatrie Trostberg und Zentrumskoordinatorin Alterstraumatologie Trostberg-Traunstein, findet anerkennende Worte: „Die Arbeit von Aynur Simecek ist unverzichtbar. Ohne sie würden viele Patientinnen und Patienten ihre Selbstständigkeit verlieren. Sie schlägt die Brücke zwischen Medizin und Alltag.“

Und diese Brücke ist oft entscheidend. Denn wer nicht sprechen kann, wird überhört. Wer nicht schlucken kann, wird krank. Wer nicht teilhaben kann, vereinsamt. Simecek arbeitet interdisziplinär – mit Ärzten, Pflege, Physio- und Ergotherapie. „Und man muss die Patienten auch anfassen, ihnen sprichwörtlich nahekommen“, sagt sie. „Nur so entsteht Vertrauen.“

Um 13.30 Uhr enden ihre Arbeitstage in der Klinik. Doch ihre Arbeit geht weiter: In der Online-Praxis behandelt sie ihre eigenen Patienten. Ein Beruf zwischen Wissenschaft und Nähe. Zwischen Analyse und Menschlichkeit. Oder, wie Aynur Simecek es sagt: „Es geht darum, den Menschen wieder ins Leben zu holen.“